Best of Textilkunst 2017

„Gute Nacht“- Wärmflaschenhülle – Annette P., Braunschweig

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn diesem Winter filze ich besonders gern Wärmflaschenhüllen mit märchenhaften Motiven. Die Idee war, dass kuschelige Wärme und ein gutes Buch zu einem entspannten Feierabend und zu einer guten Nacht gehören.

Zunächst habe ich Grimm’sche Märchen zur Vorlage genommen und ein bestimmtes Märchen auf eine Wärmflaschenhülle gefilzt. Meistens noch ein kleines Pixibuch dazugelegt und fertig war ein Geschenk. Inzwischen wünschen sich Freunde und Bekannte bestimmte Motive für ihre Wärmflasche. So wurde ich auf das Einhorn aufmerksam, das für diese Wärmflasche sozusagen das Hauptmotiv ist.

Mein Arbeitsplatz ist in einem Kellerraum mit Waschbecken. Hier stehen zwei höhenverstellbare Böcke, über die ein Schalbrett aus dem Baumarkt gelegt ist. Auf einer abwaschbaren Wachstuchdecke liegt ein Handtuch und darauf ein Stück Noppenfolie. Ein Wasserkocher, eine alte Thermosflasche, Ballbrause, kl. Plastikschüssel, Gardinenrest und Olivenölseife ergaben mein Handwerkszeug.

Ich filze hauptsächlich nass. Dazu schneide ich mir eine Schablone aus Trittschallfolie, die es erlaubt, nahtlos zu filzen. Eine handelsübliche Wärmflasche wird aufgelegt und mit Filzstift in ausreichendem Abstand umfahren. Der Schrumpfungsprozess bei den von mir verwendeten Wollen beträgt etwa ein Drittel. Das muss beachtet werden.

Besonders gute Erfahrungen habe ich mit Montevideowolle im Vlies als Basisschicht gemacht. Sie riecht noch nach Schaf und ist durch ihre braune Farbe ganz authentisch. Sie wird in zwei Schichten mit leichten Überständen auf die Schablone gelegt, nass gemacht, eingeseift und gedreht. Die Überstände werden auf die andere Seite der Schablone gedrückt und auch hier werden wieder zwei Schichten Montevideowolle aufgelegt, nass gemacht,eingeseift, gedreht und die Überstände umgeschlagen und fest um die Schablone gelegt. So wird ausgeschlossen, dass sich dort später Wülste bilden.

Aus feiner Merinowolle(arktisweiß) habe ich einen Vorfilz gemacht und die Kontur des Einhorns ausgeschnitten. Ebenso habe ich in meiner Restekiste, in der ich Filzabschnitte und sonstige Wollreste sammle, geforscht, was ich für diese Wärmflasche nehmen könnte. Ein größeres Stück „grau“ würde sich für eine Burg eignen. Ich zerschneide es in kleine Stücke und werde sie später mit Lücken auf ein bisschen schwarze Wolle auflegen, so dass es wie „gemauert“ aussieht. Ebenso braune, verschiedene grüne, rote und blaue Reste von Merinowolle im Kammzug habe ich bereit gelegt. Dazu ein Seidenhankie, das später der „Silbermond“ werden soll und Seidenreste für die glänzenden Effekte bei Blumen, Bäumen und im Himmel. Skandinavische Locken für die Mähne des Einhorns kommen dazu. Das Horn schneide ich aus einem gelben Filzrest aus und umwickle es vorsichtig mit einem dunkelgelben feinen Wollfaden, der vom Stricken übriggeblieben ist. Auch aus Resten werden die Pilze geschnitten, die Blüten, das Tor und ein rundes Fenster der Burg.

Wenn alles bereit liegt arbeite ich an der Wärmflaschenhülle. Auf die braune Montevideowolle kommt jetzt grüne und blaue Merinowolle im Vlies. Ich habe die Stücke vorsichtig zerteilt und lege sie aus, wie ich sie für die „Landschaft“ brauche. Manches überlappt sich und ich habe darauf geachtet, dass hier auch wieder zwei Schichten übereinander liegen.

Nun sprenge ich mit der Ballbrause warmes Seifenwasser auf die Wolle und lege einen Gardinenrest auf, damit die Fasern nicht verrutschen. Mit eingeseiften Händen reibe ich jetzt vorsichtig von außen nach innen über das Werkstück. Warmes Wasser wird zugegeben und es wird schön schaumig. Die „Rückseite“ arbeite ich genauso. Jetzt werden die vorbereiteten Teile aufgelegt. Oberhalb des grünen Bereiches kommt die Burg in den blauen Himmel. Die anderen Teile werden angeordnet, nass gemacht und in bewährter Weise mittels der Gardine vorsichtig angerieben.

Wieder gedreht, kommt nun das Einhorn hinter einem Baum auf die grüne Wiese gesprungen. Das Horn wird aufgelegt. Das Auge und die Locken angepasst. Dann die Blume und der Baum arrangiert. Auch hier:Gardine vorsichtig anseifen und von außen nach innen gerieben.Nach einer Weile haben sich die Fasern verbunden und ich konnte ohne Gardine weiter reiben. Vorsichtig habe ich die Schablone heraus genommen und die Wärmflaschenhülle leicht in Noppenfolie eingerollt. Das Ganze noch in das Handtuch gewickelt und ganz leicht kurz hin und

her gerollt. Alles aufgemacht und die Wärmflaschenhülle wird in die entgegen gesetzte Richtung wieder in bewährter Weise hin und her gerollt. Dieses nennt man „walken“. Die Wolle zieht sich durch das Walken zusammen und nach einer Weile arbeite ich mit mehr Druck. Die hülle schrumpft immer weiter und ich lege ab und zu die Wärmflasche auf, bis die richtige Größe erreicht wird.

Dann habe ich die Wärmflaschenhülle unter kaltem Wasser ausgespült bis keine Seife mehr im Fließwasser zu sehen ist. Damit die Farbe frisch bleiben und wirklich alle Seifenreste neutralisiert werden, kommt die Hülle noch eine Weile in Essigwasser. Ausgewrungen habe ich die Hülle dann über die Wärmflasche gezogen und so trocknen lassen. dass über die Wärmflasche gezogen und so trocknen lassen.

Manchmal lege ich noch Lavendelblüten mit in die Hülle. Das riecht dann beim Gebrauch wunderbar.

Der Prozess des Filzens ist für mich eine fast meditative Angelegenheit. Während der Arbeitsschritte die verschiedenen Stadien des Verfilzens zu erleben, ist eine sehr sinnliche Angelegenheit und lässt mich oft die Zeit vergessen.

Am schönsten ist aber, das fertige Filzstück zu betrachten: wie die Fasern unterschiedlich gegriffen haben und dass bei aller Planung die Wolle doch ein Eigenleben hatte! Z.B. bei der Wärmflasche ist die Montevideowolle (Basisschicht) beim Einhorn gut sichtbar geworden und das Tier hat ein „lebendiges“ Fell bekommen.

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5 Kommentare zu “„Gute Nacht“- Wärmflaschenhülle – Annette P., Braunschweig

  1. Annette

    Hallo Ulla,
    durch die Schafwolle bleibt das Wasser in der Wärmflasche lange warm. Da kannst Du viele Märchen lesen bevor Du einschläfst!
    Liebe Grüße, Annette

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  2. Heike

    Mir gefällt die Kombination: perfektes Handwerk, wirklich ganz und gar handgemacht, gekreuzt mit viel Kreativität und tollem Material. Übrigens liegen Einhörner gerade voll im Trend 🙂

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  3. Ulla

    Das sind ja wunderschöne verwunschene Wärmflaschen. Mit dem Einhorn möchte ich auch sehr gerne kuscheln. Sie sehen aus, als ob man sich ein Märchen direkt ins Bett holt. Das Material hört sich superweich an. Am liebsten hätte ich alle !!!!

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    1. Annette

      Hallo Ulla,
      durch die Schafwolle hält das Wasser in der Wärmflasche sehr lange warm! Da kannst Du viele Märchen lesen bevor Du einschläfst.
      lg Annette

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