Best of Nähen & Schneidern 2018

Im Traum kann ich fliegen – Yvonne H., Calau

1 (Copy)Wir erwarten, interpretieren, fordern oder maskieren manchmal unsere Kinder, sodass wir ganz vergessen, was für wundervolle Gedanken und eigene Vorstellungen unsere Mäuse haben.

Ich sehe mein Kind im Regen in einer Pfütze sitzen und denke an die Wäsche, eine Erkältung und die Dreckkruste, die ich ihr abkratzen werden muss..Und Zeit ist auch keine, man muss ja noch so viel erledigen und das Kind macht Unsinn. Doch, sie sitzt dort.. fühlt das Wasser in ihren Schuhen zwischen die Zehen laufen, hört den Regen der melodisch um sie herum tanzt, sieht wie kleine Wellen entstehen, wenn sie mit der flachen Hand in die Pfütze patscht. Aufregend! Neu! Intensiv!

Und ich bin ein bisschen neidisch, denn mein Kopf ist voller anderer Sachen, „wichtiger“ Sachen.

Lange habe ich immer darauf geachtet, ein vorbildliches Töchterchen vorweisen zu können, um als Alleinerziehende nicht in Missgunst zu fallen. Sie hat sich bemüht, sich benommen, doch im Inneren ist ihre Welt viel bunter, was ich zu oft vergessen habe.
Dieser Mantel ist eine Liebeserklärung an meine Kinder. Ich verstehe euch.

Den Schnitt habe ich selbst entworfen und konstruiert. Gerade habe ich einen totalen Fabel für Falten und Abnäher und ich wollte mich unbedingt ausprobieren. Verwendet habe ich einen genialen Wollstoff mit Mohair Anteil, den ich seit 2 Jahren hüte wie meinen Augapfel. Was für ein geniales Stöffchen.. wahnsinnig leicht und eine tolle Farbe, der war perfekt und keinen anderen wollte ich. Mein Wunsch war eine offenkantige Verarbeitung. Habe ich auch noch nie gemacht und es passte einfach zu dem Gefühl, welches ich vom fertigen Kleidungsstück erwartete. Doch bevor es ans Nähen ging, musste die „Deko“ her. Das Bild in meinem Kopf schrie nach einer Stickerei. Gutes Bild.. doofe Idee. Das Einzige was ich in den letzten 25 Jahren gestickt habe, war der Buchstabe Y mit Rückstichen. Doch ich wollte dringend meine Vorstellungen verwirklichen. Also ran an den Speck! Allein für die Blüten meines Bäumchens habe ich 120 Meter Faden verstickt, unglaublich, was da zusammenkommt, damit habe ich nicht gerechnet. Insgesamt saß ich an meinem Bild weit über 20 Stunden und das von Donnerstag Abend bis, ja.. heute morgen.

Den bestickten Stoff habe ich vorher von einer Freundin mit Wasserfarben bemalen lassen. Es gibt eine tolle Methode, um diese auf Stoff waschecht zu machen. Ich suchte mir also die Farben aus und was ich mir wünschte und sie zauberte auf mein Tüchlein genau das, was ich wollte. Hurra!

Den bestickten Stoff habe ich gedoppelt, die untere Kante per Hand an der Taille festgenäht und die restlichen Kanten mit dem Rückenteil eingefasst.

Mein Problem mit dem Mantel entstand mit den Nahtzugaben. Außen wollte ich sie nicht und eine sichtbare Naht wollte ich auf dem Stoff auch nicht sehen. So habe ich mich entschlossen, sämtliche Zugaben und zusätzliche Nähte mit einem Blindstich anzunähen. Ich liebe Handnähte, die sind einfach wunderbar persönlich. Das war zunächst sehr befremdlich, denn ich liebe das Füttern und so eine nackige Innenansicht fühlte sich seltsam an. Doch für mich war es der logischste Schritt. Ich wüsste zu gerne, wie man das noch lösen könnte.

Die Knopflöcher habe ich ebenfalls mit der Hand gestickt. Eine Maschinennaht schien mir einfach nicht würdig für den Stoff. Auch das ist eine Premiere für mich gewesen. Und nun, ganz ehrlich? Das war toll! Werde ich sicher öfter machen.

Die Gürtelschlaufen habe ich mit mehrfach gelegtem Garn gehäkelt. Alles andere wäre mir zu bullig gewesen und ich hätte mich am Ende nur darüber geärgert. Hält übrigens Prima und hat sich schon oft bewährt 🙂

Was ich an dem Mantel besonders liebe sind die Ärmel. Das ist das erste mal gewesen, dass ich eine perfekte Armkugel konstruiert habe. Bis auf den letzten Millimeter.. perfekt! Definitiv eins der schönsten Erlebnisse hier und ein pures Glücksgefühl. Sticken hat Spaß gemacht, ja.. Aber was das Nähen in einem Auslösen kann ist einfach nicht zu toppen.

Ein Bisschen was über mich und meine Projekte:
seid ich denken kann, habe ich meine Oma immer nähen sehen.. und mit 5 Jahren lies sich mich an ihre geliebte Nähmaschine. Einfach so, voller Vertrauen. Ich habe mich austoben dürfen nach Lust und Laune und es war ein irres Gefühl, wie der Stoff durch meine Finger und unter die Nadel gezogen wurde. Das geht mir bis heute so und ich fühle mich einfach verbunden.

Jetzt bin ich 30, habe zwei Töchter, 3 Schafe, 2 Hunde und.. meinen Partner 🙂

Das Nähen hat mich immer begleitet. Es war einfach Teil meines Leben und hat mir schon aus so manchen unschönen Lebenslagen herausgeholfen.

Mein größter Wunsch war immer die Ausbildung zum Maßschneider und mir einen Meistertitel zu verdienen. Leisten konnte ich mir das jedoch nie, was ich schmerzlichst bedauere.

Das was ich kann, habe ich mir zum größten Teil selbst, durch Schnittmuster und Ausprobieren beigebracht. Ich liebe das entdecken neuer Techniken und die Möglichkeiten, sie anzuwenden.

Der Mantel entstand diese Woche und ich gestehe, es war ganz schön hart. Meine Kinder (10 Monate und 5 Jahre alt) waren beide krank zuhause und ich musste jede freie Sekunde nutzen, um mein Projekt rechtzeitig fertigzustellen. Ehrlich gesagt fällt mir heute auch das Schreiben schon schwer, da ich einfach hundemüde bin und gerade erst meine Arbeit beendet habe 🙂

Ich möchte hier unbedingt mitmachen! Das war der Gedanke der letzten Tage und was mich hat kämpfen lassen. Meine Wünsche für dieses Jahr sind die Selbstständigkeit mit meiner genähten Kinderkleidung und die Eröffnung eines kleinen Nähgruppe für kreative Kinder.

Wann bekommt man schon die Chance, von Profis kritisiert zu werden? Ich sehe eine unglaubliche Möglichkeit mich weiterzubilden, Kontakte zu knüpfen und um endlich auch mal mit Kreativen ins Gespräch zu kommen, die genauso für das Handwerk brennen, wie ich es tue.



Weitere Einsendungen:
Leihkleid

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