Best of Mode-Design 2018

affordable fashion dress, blue – Inspiration und Imitation in der Mode – Santiago A., Aachen

Plakat (Copy)Bei der beigefügten Einreichung handelt es sich um ein Formfindungskleid unter dem Titel „affordable fashion dress, blue – Inspiration und Imitation in der Mode“, das als Projektarbeit im zweiten Semester entstanden ist und sich als Satire auf die Massenkultur versteht. Mit dem Konzept einer großen schwedischen Möbelkette als Inspiration, imitiert es in der Form eine überdimensionale blaue Tragetasche, wie sie täglich tausendfach rausgegeben werden. Dies steht im Kontrast zur gängigen Praxis im High-Fashion-Bereich, wo limitierte Designer-Stücke zu Preisen in astronomischer Höhe gehandelt werden.


Während diese in der Regel von anderen Häusern kopiert und auf den Massenmarkt zugeschnitten werden, ist in den letzten Saisons zunehmend zu beobachten gewesen, wie dieser Prozess von alternativen Modeschöpfern gezielt auf den Kopf gestellt wird. Ähnlich wie schon in Andy Warhols POP-Art, dienen die banalsten Alltagsdinge als Inspiration für begehrte Kunst- und Luxusobjekte. Dies findet in der Kultur um die Modewelt großen Anklang; so sieht man beispielsweise auf den internationalen Laufstegen ganze Kollektionen, die am ehesten einer Altkleidersammlung ähneln, oder einflussreiche Fashion-Blogger mit Logos großer Lieferdienste auf den T-Shirts. Der für mich prägnanteste Fall jedoch war eine 2.000€-Handtasche der Firma Balenciaga, welche augenscheinlich eben das selbe Objekt imitiert, wie meine Semesterarbeit: Die IKEA-Tüte. Wert: 99 Cent. Vor allem die öffentlichen Reaktionen zwischen Verwunderung, Ungläubigkeit und Irritation, welche widerum zu einem gigantischen medialen Echo führten, haben meine Aufmerksamkeit geweckt. Ist dies nicht Satire in ihrer reinsten Form? Könnte sich diese Dynamik nicht zu einem ausgeklügelten Vermarktungskonzept entwickeln lassen? So war die Idee zu meinem im folgenden vorgestellten Werk geboren.

Bei einem Blick in die Vergangenheit fiel mir Cristóbal Balenciagas klassisches „envelope dress“ aus den 1960er-Jahren ins Auge, das von der Form her – kurioserweise – tatsächlich einer Tüte ähnelt. Mit dem groben Aufbau im Hinterkopf begann ich, zu skizzieren und entwickelte so die ersten Entwürfe meines eigenen Kleides. Anschließend konstruierte ich den Schnitt auf Basis des taillierten Oberteils und fügte kegelförmige Zusätze ein, um die weite, nach unten zulaufende Form zu erreichen. Einige Proben später hatte ich meine Vorstellungen schnitttechnisch verwirklichen können. Die obere Kante entschied ich mich mit einem Beleg zu verarbeiten, die untere sollte offen bleiben, um den künstlerisch angehauchten Atelier-Charakter zu unterstreichen. Bei der Stoffwahl suchte ich aus demselben Grund nach einem dicken, robusten Material, optisch ähnlich der Oberfläche der IKEA-Tüte. Dabei war es meine Absicht, ausschließlich mit einfacher, preisgünstiger aber qualitativ hochwertiger Ware zu arbeiten. Letztendlich überzeugte mich ein kräftig himmelblauer Canvas-Stoff; zusätzlich kaufte ich etwas festere Einlage und Vliesofix. Letztere sollten dazu dienen, die Tüten-Teile zusätzlich zu verstärken: jeweils doppelt zugeschnitten, bebügelte ich eine Seite mit Einlage und klebte diese anschließend mit „Hexenspucke“ auf die zweite Schicht Stoff. Nur so war die steife, plastische Form des Kleides gewährleistet. In der hinteren Mitte ist ein Reisverschluss verarbeitet. Für die Träger kam mir die Idee, bewusst provokativ die originalen Trageriemen einer IKEA-Tüte zu verwenden und den Bezug so eindeutig zu machen. Nach einem leidenschaftlichen Arbeitsprozess entsprach das Kleidungsstück schließlich meinen Vorstellungen.

In der Welt der Mode ist die Definition von und Abgrenzung zwischen Inspiration und Imitation ein ewiger Kampf – dabei ist gerade dies die Essenz des gesamten Business. Sei es eine Epoche der Kunstgeschichte, ein Alltagsgegenstand, oder schlicht ein anderes Kleidungsstück; ohne ein Vorbild entsteht nichts. In meine Arbeit sind diese drei Faktoren (konkret: POP-Art, IKEA-Tüte und envelope dress) eingeflossen und leiten, sich gegensetig beeinflussend, ein Werk her, das die beschriebene Inspirations-Imitations-Kultur mit einem Augenzwinkern zum Leben erweckt.

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